Mit der Veröffentlichung der Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen (GfE 2023) wurde das deutsche System der Milchkuhfütterung grundlegend überarbeitet. Die Einführung der neuen Empfehlungen betrifft zahlreiche Bereiche der Milchkuhhaltung und stellt unterschiedliche Zielgruppen vor neue Herausforderungen. Neben Landwirtinnen und Landwirten sind insbesondere Beratungskräfte, Lehrkräfte an Berufs- und Fachschulen, Prüferinnen und Prüfer, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie weitere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren von den Änderungen betroffen. Um die neuen Empfehlungen künftig einheitlich anwenden und vermitteln zu können, müssen sowohl bestehende Arbeits- und Unterrichtsmaterialien als auch Rationsberechnungsprogramme und Schulungskonzepte an die neuen Empfehlungen angepasst werden.
Im Rahmen des vom Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat (MLR) geförderten Projekts „Umsetzung der neuen Versorgungsempfehlungen für Milchkühe (GfE 2023) in Baden-Württemberg durch gezielten Wissenstransfer“ stellt das LAZBW auf dieser Seite aktuelle Informationen sowie umfangreiche Materialien zur Verfügung.
Über den Schnellzugriff gelangen Sie direkt zu den für Ihre Zielgruppe relevanten Inhalten. Dort finden Sie unter anderem Merkblätter, Lehr- und Schulungsunterlagen, die Excel-Anwendung UniRat, Aufzeichnungen von Informationsveranstaltungen, weiterführende Informationsmaterialien sowie weitere Hilfsmittel zur Umsetzung der neuen Versorgungsempfehlungen. Sofern aktuell Fortbildungen oder Informationsveranstaltungen angeboten werden, finden Sie dort außerdem die entsprechenden Anmeldelinks.
Die Seite wird laufend aktualisiert und erweitert. Neue Materialien, Schulungsunterlagen, Softwareanpassungen sowie Informationen zu Veranstaltungen und Fortbildungen werden fortlaufend ergänzt. Es lohnt sich daher, regelmäßig vorbeizuschauen.
Informationen für Fachschullehrerinnen und Fachschullehrer
Informationen für Berufsschullehrerinnen und Berufsschullehrer
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Zusammenfassung der wesentlichen Änderungen der neuen Versorgungsempfehlungen für Milchkühe (GfE 2023)
Mit der Veröffentlichung der Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen (GfE 2023) hat die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) das deutsche Bewertungssystem für die Milchkuhfütterung nach mehr als 20 Jahren grundlegend überarbeitet. Ziel war es, die bisherigen Empfehlungen aus dem Jahr 2001 an den aktuellen Stand der Wissenschaft anzupassen und gleichzeitig den veränderten Rahmenbedingungen in der Milchviehhaltung Rechnung zu tragen. Höhere Milchleistungen, gestiegene Futteraufnahmen, andere Futtergrundlagen, neue Erkenntnisse zur Verdauungsphysiologie sowie steigende Anforderungen an Tiergesundheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltwirkungen machten eine umfassende Neuausrichtung erforderlich. Gleichzeitig wurde das deutsche System stärker an international etablierte Bewertungssysteme angepasst und so gestaltet, dass zukünftige wissenschaftliche Erkenntnisse einfacher integriert werden können. Ein wesentliches Merkmal der neuen Empfehlungen ist die konsequente Trennung zwischen Futterbewertung und Bedarfsermittlung, wodurch beide Bereiche künftig unabhängiger voneinander weiterentwickelt werden können.
Wesentliche Neuerungen: Energie
Mit den neuen Versorgungsempfehlungen wird das bisherige NEL-System durch das ME-System ersetzt. Die Umsetzbare Energie (ME) bildet künftig die Grundlage sowohl für die Bewertung der Futtermittel als auch für die Berechnung des Energiebedarfs der Milchkühe. Die Berechnung der ME-Konzentration eines Futtermittels erfolgt in einem dreistufigen Verfahren ausgehend von der Bruttoenergie eines Futtermittels unter Berücksichtigung der Energieverluste über Kot, Harn und Methan. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Verdaulichkeit der organischen Masse (OMD). Gleichzeitig berücksichtigt das neue System erstmals, dass sich die Verdaulichkeit eines Futtermittels mit steigender Futteraufnahme verändert. Mit zunehmender Leistung steigt die Passagerate des Futters durch den Pansen, wodurch sich die Verweildauer verkürzt und sich sowohl die Verdaulichkeit als auch die Methanbildung verändern. Diese Zusammenhänge werden über das neu eingeführte Futteraufnahmeniveau (FAN) berücksichtigt. Es beschreibt die tatsächliche Futteraufnahme einer Kuh im Verhältnis zur Futteraufnahme auf Erhaltungsniveau und ist damit ein Maß für das Leistungsniveau des Tieres. Im Gegensatz zum bisherigen System besitzt ein Futtermittel daher keine feste Energiekonzentration mehr. Vielmehr wird seine ME-Konzentration in Abhängigkeit vom Futteraufnahmeniveau der Kuh berechnet. Dadurch lässt sich die Energieversorgung insbesondere bei leistungsstarken Milchkühen deutlich realitätsnäher abbilden.
Auch beim Energiebedarf verschieben sich die Relationen. Für laktierende Milchkühe liegt der Erhaltungsbedarf nach dem neuen System höher als im alten NEL-System. Der Energiebedarf pro Kilogramm Milch ist dagegen geringer.
Wesentliche Neuerungen: Protein und Aminosäuren
Die Änderungen im Proteinsystem gehen sogar noch weiter als in der Energiebewertung. Das bisher verwendete nutzbare Rohprotein (nXP) wird durch das dünndarmverdauliche Protein (sidP) ersetzt. Im Mittelpunkt steht nun nicht mehr die Menge des am Dünndarm ankommenden Rohproteins, sondern die tatsächlich im Dünndarm verdaulichen Aminosäuren. Das sidP setzt sich aus dem dünndarmverdaulichen Anteil des mikrobiellen Rohproteins (MCP) sowie dem im Pansen nicht abgebauten Futterprotein (UDP) zusammen. Dabei wird die Dünndarmverdaulichkeit der UDP-Fraktion im neuen System futtermittelabhängig berücksichtigt. Grundlage der sidP-Bewertung ist eine deutlich differenziertere Beschreibung der Proteinumsetzungen im Pansen. Erstmals gehen futtermittelspezifische Kenngrößen zum ruminalen Proteinabbau in die Berechnung ein. Dadurch lässt sich für jedes Futtermittel abschätzen, welcher Anteil des Rohproteins bereits im Pansen abgebaut wird und welcher Anteil als UDP den Dünndarm erreicht. Im Vergleich zum bisherigen nXP-System bildet das neue Proteinsystem die biologischen Prozesse der Proteinversorgung damit wesentlich präziser ab.
Auch in der Proteinbewertung spielt das Futteraufnahmeniveau (FAN) eine zentrale Rolle. Mit zunehmender Futteraufnahme sinkt infolge der geringeren OMD die Bildung von MCP. Gleichzeitig führt die höhere Passagerate dazu, dass ein größerer Anteil des Futterproteins den Pansen unabgebaut als UDP verlässt. Der Anstieg des UDP-Anteils kann den Rückgang des MCP mindestens ausgleichen, sodass die sidP-Konzentration insgesamt tendenziell leicht zunimmt. Ergebnisse aus Fütterungsversuchen zeigen zudem, dass ab einem FAN von etwa 3,4 die Effizienz der mikrobiellen Proteinsynthese ansteigt, wodurch die sidP-Konzentration ab diesem FAN noch deutlicher zunimmt. Wie bereits bei der Energiebewertung werden diese Einflüsse des FAN nicht auf Ebene der einzelnen Futtermittel berücksichtigt, sondern erst im Rahmen der Rationsberechnung.
Darüber hinaus ermöglicht das neue Proteinsystem erstmals eine systematische Bewertung einzelner Aminosäuren, beispielsweise Lysin und Methionin. Dadurch können Rationen künftig noch bedarfsgerechter zusammengestellt und der Rohproteineinsatz gezielter reduziert werden. Dies trägt dazu bei, Stickstoffverluste in die Umwelt zu verringern und gleichzeitig Futterkosten einzusparen.
Zur Beurteilung der Stickstoffversorgung der Pansenmikroorganismen wird künftig die ruminale mikrobielle Differenz (RMD) herangezogen. Sie ersetzt die bisher verwendete ruminale Stickstoffbilanz (RNB) und beschreibt die Differenz zwischen dem im Pansen abgebauten Rohprotein (RDP) und dem daraus gebildeten mikrobiellen Rohprotein (MCP).
Wesentliche Neuerungen: Mineralstoffe und Vitamine
Bei den Mineralstoffen und Vitaminen ergeben sich im Vergleich zur Energie- und Proteinbewertung deutlich weniger Änderungen. Anpassungen betreffen vor allem Phosphor, dessen empfohlene Konzentration in den Rationen, aufgrund einer höher angesetzten Verwertung, weiter abgesenkt wurde. Des Weiteren wurde die Versorgungsempfehlung für Vitamin D angehoben auf Basis neuer Erkenntnisse zu seiner Bedeutung für das Immunsystem. Zudem wird für β-Carotin keine eigenen Versorgungsempfehlung mehr ausgesprochen, da positive Effekte auf Fruchtbarkeitsmerkmale in neueren Untersuchungen nicht bestätigt werden konnten.
Aktueller Umsetzungsstand in Baden-Württemberg
Um die neuen Versorgungsempfehlungen möglichst zeitnah und einheitlich in Beratung, Aus- und Weiterbildung sowie landwirtschaftlicher Praxis zu etablieren, wurde am Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW) Ende 2025 im Rahmen eines vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) geförderten Projekts die Projektstelle „Umsetzung der neuen Versorgungsempfehlungen für Milchkühe (GfE 2023) in Baden-Württemberg durch gezielten Wissenstransfer“ eingerichtet. Ziel des Projekts ist es, die wissenschaftlichen Grundlagen der GfE 2023 in praxistaugliche Werkzeuge und Unterrichtsmaterialien zu überführen sowie alle relevanten Zielgruppen bei der Einführung des neuen Systems zu unterstützen.
Seit Projektbeginn wurden zahlreiche Informations-, Arbeits- und Schulungsunterlagen erstellt. Hierzu zählen unter anderem Merkblätter und ein Abkürzungsverzeichnis sowie umfangreiche Foliensätze für Schulungs- und Fortbildungsveranstaltungen. Darüber hinaus wurden Vorträge aufgezeichnet und auf der Homepage des LAZBW bereitgestellt, sodass Interessierte die Inhalte jederzeit abrufen können. Die Materialien werden kontinuierlich erweitert und aktualisiert.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Bildungsbereich. Gemeinsam mit Lehrkräften an Berufs- und Fachschulen werden die neuen Versorgungsempfehlungen in bestehende Unterrichtskonzepte integriert und geeignete Lehr- und Lernmaterialien entwickelt. Ziel ist es, die fachlichen Neuerungen verständlich und praxisnah zu vermitteln und gleichzeitig eine landesweit einheitliche Umsetzung in der Ausbildung sicherzustellen. Ab dem Schuljahr 2026/2027 werden sowohl an den Berufs- als auch an den Fachschulen ausschließlich die neu beginnenden Schuljahrgänge nach den Versorgungsempfehlungen der GfE 2023 unterrichtet. Bereits laufende Schuljahrgänge schließen ihre Ausbildung noch nach dem bisherigen System ab. Entsprechend werden die ersten Abschlussprüfungen mit Inhalten zu den neuen Empfehlungen voraussichtlich ab dem Jahr 2029 stattfinden. Dabei werden die neuen Versorgungsempfehlungen an die unterschiedlichen Ausbildungsziele angepasst, vermittelt. Während an den Berufsschulen die Grundlagen der neuen Energie- und Proteinbewertung sowie das grundlegende Verständnis für die Rationsberechnung im Vordergrund stehen, erfolgt an den Fachschulen eine vertiefte Auseinandersetzung mit der praktischen Rationsplanung -optimierung und -kontrolle. Diese unterschiedlichen Anforderungen spiegeln sich auch in der digitalen Umsetzung wider. Bereits im letztjährigen Landinfo-Beitrag wurde darauf hingewiesen, dass sich die komplexere Energie- und Proteinbewertung nicht mehr vollständig mit einfachen Excel-Anwendungen abbilden lässt. Vor diesem Hintergrund werden in Baden-Württemberg zwei Ansätze verfolgt. Das am LAZBW entwickelte und landesweit etablierte Excel-Rationskalkulationsprogramm UniRat wurde an die neuen Versorgungsempfehlungen für Milchkühe angepasst und steht ab sofort als didaktisch vereinfachtes Lehr- und Lernprogramm, insbesondere für den Einsatz an Berufsschulen sowie für Schulungs- und Fortbildungsveranstaltungen, zur Verfügung. Es dient als didaktisch vereinfachtes Lehr- und Lernprogramm und ist nicht für die praktische Rationsoptimierung vorgesehen. Für die vertiefte Ausbildung an den Fachschulen wurden darüber hinaus Lizenzen für das Rationsberechnungsprogramm Zifo2 der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) beschafft. Damit steht den Fachschulen künftig ein Programm zur Verfügung, das die neuen Versorgungsempfehlungen vollständig abbildet und sowohl für die Rationsberechnung als auch für die Rationsoptimierung genutzt werden kann. Begleitend wurden bereits Schulungen für Fachschullehrkräfte durchgeführt, sodass Zifo2 ab dem Schuljahr 2026/2027 im Unterricht eingesetzt werden kann.
Die Umstellung weiterer Rationsberechnungsprogramme steht derzeit noch aus. Die Softwareanbieter arbeiten jedoch an der Umsetzung neuen Empfehlungen, sodass auch diese Programme voraussichtlich zeitnah eingesetzt werden können.
Die Umsetzung ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Monaten stehen insbesondere weitere Fortbildungen für Beratungskräfte, Prüferinnen und Prüfer sowie Ausbilderinnen und Ausbilder im Mittelpunkt. Parallel werden die vorhandenen Schulungsunterlagen kontinuierlich ergänzt und gemeinsam mit der DLG sowie weiteren Partnern bundesweit abgestimmt. Ziel bleibt eine möglichst einheitliche und praxisnahe Einführung der neuen Versorgungsempfehlungen in Baden-Württemberg und darüber hinaus.
Dr. Elisabeth Gerster
Levi Messmer